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Eine Markenbotschafterin ihrer Heimatstadt Schramberg

Zum Tod von Karin Becker.

Fast vier Jahre hat die Fotografin Karin Becker gegen ihre schwere Erkrankung angekämpft. Für ihre große Tapferkeit haben sie ihre Freunde und Bekannten bewundert. Am Donnerstag, 19. Februar, ist die Schrambergerin, die sich politisch, kulturell und sozial für ihre Heimatstadt und ihre Mitbürger mit viel Herzblut engagiert hat, im Alter von 68 Jahren gestorben. Stadtarchivar Carsten Kohlmann erinnert an Karin Becker:

Karin Becker war seit 2011 an einem Gehirntumor erkrankt und musste sich einer schweren Operation und mehreren Chemotherapien unterziehen. Ihrer Krankheit begegnete sie mit einem außergewöhnlich starken Lebenswillen und mit der ungebrochenen Fortsetzung ihres vielfältigen Engagements zusammen mit ihrem langjährigen Lebensgefährten Gernot Stähle, der ihr bis zu ihrem Tod als guter Freund zur Seite stand.

Geboren in Montabaur kam sie im Frühjahr 1959 nach Schramberg, als ihr Vater Hans Becker (1916-1994) eine neue Stelle in der damaligen Kühlmöbelfabrik Buchholz erhalten hatte und sich mit seiner Familie im Schwarzwald niederließ. Die Begegnung mit Schramberg war für sie eine Liebe auf den ersten Blick, über die sie einmal schrieb: „Mit der Eisenbahn kommend, Schwarzwald-Bilderbuchlandschaft. Idyll an der Schiltach entlang, das Schloß, der Blick auf den Zwiebelturm, Brückengeländer voller Blumen, prächtige Wirtshausschilder, kleine Plätze, plätschernde Brunnen, im Hintergrund Berge […] Schramberg, meine neue Heimat, ein Städtchen mit Charme.“

1961 begann sie im Fotogeschäft Kasenbacher mit einer Berufsausbildung zur Fotografin und war über vier Jahrzehnte bis 2004 für den Familienbetrieb tätig. Als Fotografin entwickelte sie einen kritischen Blick für die positiven und die negativen Entwicklungen in ihrer Heimatstadt: „Auch wenn vieles aus den Augen, aus dem Blickfeld verschwindet, so ist es doch in unserem Gedächtnis eingegraben und verwahrt – meist sogar mit vielen, daran anknüpfenden Gedanken und Geschichten […] Diese Fantasie soll uns dazu animieren, behutsam und sorgsam mit unserem Lebensraum umzugehen.“

Von dem Motto „Mehr Demokratie wagen“ des SPD-Politikers Willy Brandt (1913-1992) bewegt, engagierte sich Karin Becker in den 1970er-Jahren zunächst bei den Jungsozialisten und später im SPD-Ortsverein Schramberg. Sie entwickelte sich zu einer „engagierte[n] und couragierte[n] Vertreterin der Kultur-, Sozial- und Frauenpolitik“ , s der damalige Oberbürgermeister Herbert O. Zinell und gehörte von 1993 bis 1999 auch der SPD-Fraktion im Gemeinderat an. Im September 2008 trat sie aus Protest gegen die „Agenda 2010“ des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder und den Umgang mit dem damaligen Parteivorsitzenden Kurt Beck aus der SPD aus, blieb dem SPD-Ortsverein aber „links und frei“ (Willy Brandt) weiterhin verbunden und wirkte an der Festschrift „… mit uns zieht die neue Zeit?“ zum 125-jährigen Jubiläum im Jahr 2013 mit.

Engagiert war sie auch in der Arbeiterwohlfahrt, deren Kasse viele Jahre von ihr geführt wurde. In ihrem politischen und sozialen Engagement war sie immer ehrlich und direkt mit klaren Meinungen, denen ihre Leitgedanken zugrunde lagen: „Lebensqualität und soziale Sicherheit für Alle. Für Solidarität und soziale Gerechtigkeit eintreten.“

Wie sehr sie sich mit ihrer Heimatstadt Schramberg identifizierte, zeigte sich vor allem auch in ihrem Engagement zur Erhaltung und Erschließung des stadtgeschichtlich wertvollen Archives des Fotogeschäftes Kasenbacher, das sie nach dem Tod von Franz Kasenbacher (1898-1985) und Karl Kasenbacher (1931-2003) aufgrund ihrer jahrzehntelangen Mitarbeit so gut wie niemand anderer kannte. Für die beiden großen Ausstellungen des Stadtmuseums Schramberg zu den Geschäftsjubiläen in den Jahren 1995 und 2000 fertigte sie unzählige Fotoabzüge der Kleinbildnegative an, die zum Teil auch veröffentlicht werden konnten.

Seit 2011 kümmerte sie sich im Stadtarchiv Schramberg um die Ordnung und Reinigung der von ihr geretteten Glasplattennegativen mit allen Personenaufnahmen von 1925 bis 1945 (etwa 20.000 Stück). Mehrfach suchte sie für die Facebookseite der Großen Kreisstadt Schramberg stadtgeschichtlich bedeutsame Fotos heraus, die bei alten und jungen Schrambergern in aller Welt großes Interesse finden. Zum 90-jährigen Geschäftsjubiläum im Frühjahr hatte sie noch eine Präsentation besonders schöner Postkarten in der Vitrine im OB-Sekretariat des Rathauses vor, die nun Carsten Kohlmann und Lena Spomer vom Stadtarchiv Schramberg auch zur Erinnerung an sie einrichten werden.

Seit 2007 unterstützte sie darüber hinaus ihren Lebensgefährten Gernot Stähle dabei, das große Erbe der stolzen Uhrenstadt Schramberg neu zu entdecken. Sie übernahm für mehrere Ausstellungen und Kataloge des Stadtmuseums Schramberg die Fotoarbeiten und richtete zusammen mit Gernot Stähle zum 150-jährigen Firmenjubiläum im Jahr 2011 ein neues Museum für die Uhrenfabrik Junghans ein, das große Beachtung gefunden hat und weiter ausgebaut werden soll. Voller Begeisterung übernahm sie Führungen, auch wenn es ihr gesundheitlich erkennbar schlecht ging. Mit Karin Becker starb eine unermüdliche – und streitbare – Markenbotschafterin der Fünftälerstadt im Schwarzwald, deren Liebe zu Schramberg beispielhaft war.

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